Sammlung Jürgen Wittdorf

Arbeiten aus dem Nachlass des Malers und Grafikers Jürgen Wittdorf

Biografie

Jürgen Wittdorf wurde 1932 in Karlsruhe geboren. Die Schulzeit verbrachte er während der Naziherrschaft in Königsberg, sein Vater hatte hier eine Anstellung als Versicherungsdirektor. Es folgten die Flucht nach Stollberg entbehrungsreiche erste Jahre nach dem Krieg. Den ersten Zeichenkurs belegt Wittdorf 1950 in Stollberg, bei Walter Schurig. Er studierte später an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. 1957 wurde er Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR (VBK). Von 1959 bis 1964 lehrte Wittdorf an der Volkshochschule Leipzig und war als Assistent am Institut für Kunsterziehung der Karl-Marx-Universität in Leipzig tätig.

Zyklus „Für die Jugend“

1959 entstand der großformatige Holzschnitt „Paar“. Das Blatt ist auch mit der Betitelung „Adam und Eva“ verzeichnet. 1961/62 schuf Wittdorf den Zyklus „Für die Jugend“. Der Künstler wurde vor allem durch seine zum Teil großformatigen Holzschnitte bekannt. Jugendliche in Jeans und Lederjacke, „Halbstarke“ und knapp bekleidete Mädchen, frontale Nacktheit waren nicht im Sinn der Kulturfunktionäre und wurden als „Verwestlichung“ stigmatisiert. Die Kritiker lenkten ein, als sie die positive Resonanz in der Jugend gewahr wurden. Der Zyklus „Für die Jugend“ wurde dann 1963 im Verlag Junge Welt als Mappe herausgegeben. Seine großen Holzschnitt-Motive wurden für die Mappe verkleinert und in Offsetdruck produziert, 10.000 Exemplare dieser Mappe wurden gedruckt.

Sommer in Carwitz

Zusammen mit Womacka, Münch, Schinko und anderen jungen DDR-Künstlern wurden Wittdorfs Arbeiten in Moskau ausgestellt. 1964 bezieht Jürgen Wittdorf, neben der Stadtwohnung, ein Fachwerkhaus in Carwitz. Er sanierte es und verbrachte dort viele Sommer. 1970 folgte der Umzug von Leipzig nach Ost-Berlin, seit 1967 hatte Wittdorf regelmäßig Zeit in Berlin verbracht. An die Akademie der Künste in Ost-Berlin war er von 1967 bis 1969 Meisterschüler bei Lea Grundig. Wittdorf wohnt anfangs im Bezirk Lichtenberg, später im Bezirk Friedrichshain am Petersburger Platz bis das Haus 1988 renoviert wurde. Ab 1988 wohnte Wittdorf in der Kreutziger Strasse. In Berlin arbeitet Wittdorf freischaffend und hat regelmäßig Ausstellungen. Zeitgleich arbeitet er als Zeichenlehrer im Haus der Jungen Talente (HdjT) und im Haus des Lehrers bis 1991. Die Institute wurden geschlossen, der Künstler war plötzlich, wie so viele Künstler aus der DDR, auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Ausstellung „Chronist des DDR-Alltags“

Die Kunst von Jürgen Wittdorf erfährt in den folgenden Jahren wenig Wertschätzung. 2004 widmet das Schwule Museum Jürgen Wittdorf eine erste Ausstellung, wodurch seine Wiederentdeckung eingeleitet wird. 2012 folgte im Schwulen Museum zum 80. Geburtstag von Jürgen Wittdorf eine zweite Ausstellung, die ihn als „Chronist des DDR-Alltags“ zeigte. Wittdorf lebte von Sozialhilfe und verliert 2007 seinen Partner, mit dem er 25 Jahre verbracht hat. „Durchs Leben gezeichnet“ war 2013 der Titel seiner letzten Ausstellung im Museum Lichtenberg. Mit zunehmender Altersdemenz konnte Wittdorf seine Wohnung, in der er inmitten seiner Kunst lebte, kaum noch verlassen. Am 2. Dezember 2018 verstarb Jürgen Wittdorf im Alter von 86 Jahren.